new filmkritik


Montag, Dezember 04, 2006
Destroy Dirty Things
Syndromes and a Century /Sang sattawat (Apichatpong Weerasethakul) TH/F/AU 2006


Autonom kreisende Kamerabewegungen, sanft, musikalisierend, weit weg vom neuen sensomotorischen Klischee des Weltkinos, der Plansequenz. Überhaupt: die Arbeit an Bildtypen der Immanenz und wie sich Deleuze als Stichwortgeber aufdrängt: "die absichtlich schwachen Verbindungen, die Form der balade", die hier primärer Artikulationsmodus des Bildes ist und nicht mehr an Figurenbewegungen der Desorientierung zurückgebunden werden kann. Weerasethakul ist auch deshalb Primus inter pares des Weltkinos, weil seine Filme Vorzeigeprodukte einer sich mittlerweile formiert habenden neuen politischen Ökonomie sind: Anna Sanders meets New Crowned Hope, Marco Müller gibt den vanishing mediator; Sellars: "Wenn Mozart heute leben würde, wäre er gewiss ein Filmemacher." Die Mischung aus perversem Kunstthemenparkgeld, neokolonialer Subvention (Fonds Sud Cinéma: "au service de la diversité culturelle") und international gut vernetzten Arthouse-Playern (Fortissimo) ist hierfür paradigmatisch. Beispielhaft auch der an Edelprojekten dieser Art freilich nicht beteiligte World Cinema Fund - eine Kooperation der Kulturstiftung des Bundes und der Berlinale ("...Filme, die mit einer ungewöhnlichen Ästhetik überraschen, die starke Geschichten erzählen und ein authentisches Bild ihrer kulturellen Herkunft vermitteln."). Man müsste über die Schnittstellen der diese Kapitalflüsse ermöglichenden und kontrollierenden Agenden nachdenken. Die letzten zehn Minuten von Syndromes and a Century sind irrsinnig gut. Da gibt es plötzlich ein schwarzes, nebelabsorbierendes Loch im Bild; ein radikales Nichts - nicht Off - im On. Korrespondierend dazu: die namenlosen, in vorsichtig-gleitenden Bewegungen umkreisten Statuen offizieller Staatskultur, ihrer geschichtspolitischen Funktion prekär entkleidet. Es gibt eine Verbindung, vielleicht, zwischen den oral history-Fabulationen aus Mysterious Object at Noon und der entrückten Geschichtsrepräsentation und eingerasteten Gegenwart in Syndromes and a Century. Irgendwann wäre auch darüber zu sprechen, inwiefern Weerasethakul letztlich das Barney-Projekt invertiert, indem er trotz aller Rhetorik des Skulpturalen, des Installierbaren, des narrationsfrei Genießbaren genuine Formtraditionen des Kinos komplex tradiert, sie vor anbiedernder Verfransung/Entgrenzung bewahrt und falsche Eingemeindungen - Kunstkontext my ass - auf Dauer erschweren wird.