new filmkritik


Samstag, Januar 01, 2005
The Clearing (Pieter Jan Brugge) USA 2004

In den ersten Szenen erinnerte mich Helen Mirren an Romy Schneider in Les Innocents aux mains sales, Chabrol, 1975. Die nouveau riches sind alt geworden, aber immer noch schöne Menschen. Minimal irritierte Gesten verraten die sorgfältig kaschierten Zumutungen performativer Bürgerlichkeit. Noblesse oblige. Jeder Auftritt wird als öffentlicher begriffen, gerade im privaten Raum, gerade wenn der erreichte Status kein tradierter ist. Nicht für die 'Fassade' dieses Lebensstils interessiert sich Brugge, der erstaunlicherweise auch Heat produziert hat, sondern wie dieser körperlich gefüllt wird.
Upper-class-Biographien als Geschichten der Einübung in kontrollierte, gemessene Bewegungen. Throwing Like a Girl, würde man in den Gender-Studies dazu sagen. Die Klassendifferenz zwischen Redford und Dafoe, die ich beide lange nicht mehr so zurückgenommen und präzise gesehen habe, zeigt sich allein schon darin, wie ersterer Manschettenknöpfe zu bedienen gewöhnt ist.
Auch erzählökonomisch ist der Film von seltener Klarheit; eine eigentlich simple dramaturgische Entscheidung - die Unterwanderung der impliziten Gleichzeitigkeitsbehauptung 'parallel' montierter Handlungsstränge - wendet den Thriller schleichend aber transparent ins Melodramatische. Der entstehende Riss bilanziert vor allem ein denkbar nüchternes Liebesmodell. Die gelassene Aufrichtigkeit, mit der Redford seiner abwesenden Frau eine finale Liebeserklärung macht, ähnelt jenem Tonfall, in dem Maggie Cheung in Clean gegenüber ihrem kleinen Sohn genossene Drogenexzesse erklärt, nicht rechtfertigt.
Blicke in den Himmel; Mirrens gefasster Abschied von Redford. Mit kalkuliertem Understatement, wie zuletzt Nicole Kidman in der erbaulichen Wagner-Szene bei Glazer, liefert sie ihr Gesicht indiskreten Großaufnahmen aus.
Die tausendmal ideologiekritisch zerlegte und doch immer wieder stupende faciale Souveränität der Hollywood-Stars, die genau hier ihren Mehrwert erzeugen.
Im Wald ist Redfords Körper ein letztes Mal Träger der Distinktionspolitik des Arrivierten; am Ende wird er nicht zuletzt als sozialer ausgelöscht. Material Ghost: erst sie für ihn, dann er für sie. Mit Patrick Swayze und Demi Moore hat das allerdings wenig zu tun. Fast möchte ich sagen: 20 +1 toller Film 2004; ein Schauspielerfilm.