new filmkritik


Samstag, August 03, 2002
Der Felsen.

„Im Hinterland des Nihilismus. Die Polizei umstellt einen Lagerschuppen, Gewehre im Anschlag. Drinnen hat sich ein Pärchen verschanzt. Ein Boxer, der gescheitert ist, und seine Freundin.
Die ganze Welt hat er erobern wollen, aber er ist nur auf die schiefe Bahn gekommen, und die Freundin ist ihm dahin gefolgt. Er hat nur noch die Wahl, sich zu ergeben oder sich den Weg freizuschießen, und koste es das Leben. Er trifft seine Wahl. Er wagt den Ausbruchsversuch.“

Gestern Abend. Wir sahen den „Felsen“. Am Ende geht der Junge, Malte, zu dem Cafe, in dem er sich mit der Frau verabredet hat. Es ist Nacht. Um sechs Uhr in der Früh wird sie kommen. Er schaut sich um. Er sucht einen Platz, zum warten. Er sondiert das Gelände. Der Film ist ganz still. Der Kommentar ist jetzt zu hören. Er spricht davon, dass der Junge, so wie ein wildes, gejagtes Tier, den Ort registriert. Fluchtmöglichkeiten erkennt. Man sieht einen Hinterausgang. Das Wort Sortie, beleuchtet, über einer Tür neben der Theke des Cafes.

Oben, das Zitat, ist von Hartmut Bitomsky. Der erste Kommentar aus DAS KINO UND DER TOD. Ich erinnerte mich daran, während die Szene aus dem Felsen lief.
Der Film von Bitomsky zeigt keine Filmausschnitte. Er legt Fotos der Filme, fotografiert vom Schneidetisch, nebeneinander. Das Blättern der Fotos und der Kommentar korrespondieren.
Manchmal hatte man den Eindruck, dass Hartmut Bitomsky über ein Kino spricht, das es nicht mehr gibt. Das verschwunden ist. Die Fotos die Spuren davon. Die Stimme die Erinnerung.
Und manchmal hatte man den Eindruck, dass er über ein Kino spricht, dass es noch gar nicht gegeben hat.

Mich hat das ganze Gequatsche über DV und Dogma und Authentizität und Nähe eigentlich nie interessiert.
Gestern dachte ich, dass das DV Material vom FELSEN ähnlich funktioniert wie die Fotos bei Bitomsky. Dass es die Spur und die Erinnerung an einen Film ist. Der vergangen ist. Oder der noch gar nicht entstanden ist.

Über vieles andere müsste noch zu sprechen sein. Darüber, dass die Kamera vom Benedikt Neuenfels alles andere als Dogma ist. Dass sie Bilder findet. Dass sie schwimmt und taucht. Wie flüssig die ganze Mise en Scene ist.
Ich mag den Bikini auf der Hutablage. Den Ring am Finger der Kellnerin. Dass das alles von einem afrikanischen Straßenverkäufer erklärt und vom Kommentar betont wird, finde ich überflüssig und eine Reminiszenz an das etwas doofe Jarmush Off-Kino der letzten Zeit.(Irgendein Haitianischer Eisverkäufer und Schachspieler). Man kann auch ruhig über die großartigen Schauspieler sprechen, obwohl sich der Wolfgang Schmidt darüber lustig macht.
Gestern las ich noch einen Satz von Daney.
Das cinephile Phantasma ist in letzter Instanz dasjenige von Sherlock Junior oder der Carabiniers, nämlich so in das Bild einzugehen, dass man sich dabei weder aufführt wie ein kleiner Idiot noch den Helden spielt, sondern schwimmen lernt wie in einem anderen Raum. Denn diese Schwimmbewegungen – das ist die Mise en Scene.